Grundlagen
Was ist der Fliegenpilz? Amanita muscaria erklärt
Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist ein Giftpilz aus der Gattung der Wulstlinge. Er wächst in Symbiose mit Birken und Nadelbäumen, ist an seinem roten Hut mit weißen Flocken leicht zu erkennen und enthält die Wirkstoffe Ibotensäure und Muscimol. In vielen Kulturen spielt er seit Jahrhunderten eine Rolle, 2022 wurde er in Deutschland zum Pilz des Jahres gewählt.
Merkmale
Kaum ein Pilz ist so leicht zu erkennen. Der Hut misst meist 8 bis 20 Zentimeter, ist anfangs halbkugelig und wird später flach. Seine Farbe reicht von leuchtendem Rot bis Orange. Die weißen Flocken auf der Oberfläche sind Reste einer Hülle, die den jungen Pilz umschließt. Regen kann sie abwaschen, deshalb ist ein Fliegenpilz ohne Punkte nicht automatisch eine andere Art.
Die Lamellen unter dem Hut sind weiß und stehen frei, sie berühren den Stiel also nicht. Der Stiel ist weiß, trägt einen hängenden Ring und endet unten in einer knolligen Verdickung, die von mehreren Warzengürteln umgeben ist. Dieses Merkmal teilt der Fliegenpilz mit seinen Verwandten aus der Gattung Amanita.
| Merkmal | Fliegenpilz |
|---|---|
| Wissenschaftlicher Name | Amanita muscaria (L.) Lam. |
| Familie | Wulstlingsverwandte (Amanitaceae) |
| Hut | 8–20 cm, rot bis orange, weiße Flocken |
| Lamellen | weiß, frei |
| Stiel | weiß, mit Ring, Knolle mit Warzengürteln |
| Fruchtzeit | August bis November |
| Partnerbäume | vor allem Birke und Fichte, auch Kiefer |
Vorkommen
Der Fliegenpilz lebt in einer Mykorrhiza, einer Partnerschaft mit Baumwurzeln: Der Pilz liefert dem Baum Wasser und Mineralstoffe, der Baum gibt dem Pilz Zucker. Deshalb findet man ihn fast immer in der Nähe von Birken oder Fichten, in Mischwäldern, Parks und an Waldrändern. Er ist auf der gesamten Nordhalbkugel verbreitet und wurde mit Kiefernplantagen auch nach Australien, Neuseeland und Südamerika eingeschleppt.
Inhaltsstoffe
Für die Wirkung des Fliegenpilzes sind vor allem zwei Stoffe verantwortlich:
Ibotensäure ähnelt in ihrem Aufbau dem Botenstoff Glutamat und wirkt im Nervensystem erregend. Im frischen Pilz liegt der größte Teil der Wirkstoffe als Ibotensäure vor.
Muscimol entsteht, wenn Ibotensäure ein Molekül Kohlendioxid verliert. Das passiert beim Trocknen, Erhitzen und auch im Körper. Muscimol bindet an GABA-A-Rezeptoren, die im Gehirn für Hemmung und Beruhigung zuständig sind.
Daneben enthält der Pilz Muscazon und Muscarin. Muscarin wurde 1869 aus dem Fliegenpilz isoliert und nach ihm benannt, kommt darin aber nur in Spuren vor und spielt für die Wirkung praktisch keine Rolle. Die Gehalte schwanken stark je nach Standort, Jahreszeit und Teil des Pilzes, der Hut enthält mehr als der Stiel.
Wie andere Pilze kann der Fliegenpilz außerdem Schwermetalle aus dem Boden anreichern. Für getrocknete Ware ist eine Laboranalyse deshalb der einzige Weg, die Belastung zu kennen.
Ist der Fliegenpilz giftig?
Ja. Er wird in Deutschland als Giftpilz eingestuft, und das zu Recht. Eine Vergiftung zeigt sich meist 30 Minuten bis zwei Stunden nach dem Verzehr mit Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Verwirrtheit, Erregung im Wechsel mit Schläfrigkeit und Muskelzucken. Mediziner sprechen vom Pantherina-Syndrom. Die meisten Vergiftungen klingen innerhalb eines Tages ohne bleibende Schäden ab, schwere Verläufe mit Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit kommen aber vor. Todesfälle sind in der Fachliteratur nur sehr selten belegt.
Bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung sofort den Giftnotruf anrufen, in Deutschland zum Beispiel 030 19240 (Berlin). Pilzreste für die Bestimmung aufbewahren.
Verwechslungsgefahr
Den roten Fliegenpilz kann man mit etwas Erfahrung kaum mit tödlichen Arten verwechseln. Problematisch sind andere Fälle:
Kaiserling (Amanita caesarea): orangeroter Hut, aber gelbe Lamellen und ein gelber Stiel. Essbar, in Deutschland jedoch extrem selten.
Pantherpilz (Amanita pantherina): brauner Hut mit weißen Flocken, ähnelt dem braunen Fliegenpilz (Amanita regalis und dunkle Formen von A. muscaria). Enthält dieselben Wirkstoffe, aber in deutlich höherer Konzentration.
Perlpilz (Amanita rubescens): essbar, wird aber häufig mit dem Pantherpilz verwechselt. Sein Fleisch läuft bei Verletzung rötlich an.
Wer Pilze sammelt, sollte sie im Zweifel bei einer Pilzberatungsstelle bestimmen lassen. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie führt ein Verzeichnis geprüfter Pilzsachverständiger.
Geschichte und Kultur
Der deutsche Name geht auf eine alte Praxis zurück: In Milch eingeweichte Pilzstücke lockten Fliegen an und betäubten sie. Schon der Gelehrte Albertus Magnus beschrieb im 13. Jahrhundert einen Pilz, mit dem man Fliegen tötet.
In Sibirien nutzten mehrere Völker den Fliegenpilz in rituellen und sozialen Zusammenhängen, darunter Korjaken, Tschuktschen und Ewenken. Reiseberichte aus dem 18. Jahrhundert beschreiben das ausführlich. Der Bankier und Ethnomykologe R. Gordon Wasson vertrat 1968 die These, der Fliegenpilz sei der im indischen Rigveda besungene Rauschtrank Soma. Diese These ist bis heute umstritten.
In Mitteleuropa steht der Fliegenpilz eher für Glück als für Gefahr. Er ziert Weihnachtsschmuck, Neujahrskarten und Kinderbücher. 2022 wählte die Deutsche Gesellschaft für Mykologie ihn zum Pilz des Jahres.
Weiterlesen
Folgende Artikel sind in Arbeit: Muscimol und Ibotensäure im Detail, Fliegenpilz und Schwermetalle, Rechtslage in Deutschland, der Fliegenpilz in der Forschung.
Häufige Fragen
Ist der Fliegenpilz giftig?
Ja. Der Fliegenpilz gilt in Deutschland als Giftpilz. Verantwortlich sind vor allem Ibotensäure und Muscimol. Vergiftungen verlaufen meist ohne bleibende Schäden, können aber schwer sein und gehören in ärztliche Behandlung. Tödliche Verläufe sind in der Fachliteratur sehr selten beschrieben.
Woher hat der Fliegenpilz seinen Namen?
Früher wurden Stücke des Pilzes in Milch oder Zuckerwasser eingelegt, um Fliegen anzulocken und zu betäuben. Diese Verwendung ist seit dem Mittelalter überliefert und gab dem Pilz seinen deutschen Namen.
Wann und wo wächst der Fliegenpilz?
Von Spätsommer bis in den November, vor allem unter Birken und Fichten, seltener unter Kiefern. Er lebt in Symbiose mit den Wurzeln dieser Bäume und kommt in Wäldern der gesamten Nordhalbkugel vor.
Kann man den Fliegenpilz verwechseln?
Ja. Nach starkem Regen können die weißen Flocken abgewaschen sein. Dann ähnelt er dem essbaren Kaiserling, der in Deutschland aber kaum vorkommt. Gefährlicher ist die Verwechslung des braunen Fliegenpilzes mit dem Pantherpilz, der deutlich giftiger ist.
Quellen
- Michelot D., Melendez-Howell L. M. (2003): Amanita muscaria: chemistry, biology, toxicology, and ethnomycology. Mycological Research 107(2), 131–146
- Kallweit T. T. (2021): Zur Giftigkeit des Fliegenpilzes (Amanita muscaria). Zeitschrift für Mykologie 87, 331–361
- Deutsche Gesellschaft für Mykologie: Pilz des Jahres 2022 – der Fliegenpilz
- Wasson R. G. (1968): Soma. Divine Mushroom of Immortality. Harcourt Brace Jovanovich
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. fliegenpilz.de wird vom Team hinter dem Onlineshop fliegenpills betrieben. Mehr dazu, wie wir arbeiten, steht auf Über uns.