Sicherheit
Kann man Fliegenpilze essen? Warum das gefährlich ist
Kaum ein Pilz ist so bekannt wie der Fliegenpilz, und trotzdem landen Menschen nach seinem Verzehr im Krankenhaus. Manche verwechseln ihn beim Sammeln mit einem Speisepilz, manche essen ihn absichtlich, und Kinder können muscimolhaltige Fruchtgummis mit Süßigkeiten verwechseln. Dieser Artikel erklärt, was nach dem Essen passiert, wie gefährlich das ist und was im Notfall zu tun ist.
Was nach dem Essen passiert
Die Beschwerden beginnen laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) meist etwa 30 Minuten nach dem Essen. Typisch sind abwechselnde Phasen von Benommenheit und Unruhe. Dazu kommen Übelkeit, Desorientierung und Halluzinationen, teilweise auch Herz-Kreislauf-Störungen. In schweren Fällen trübt sich das Bewusstsein bis zum Koma ein. Die Symptome klingen in der Regel innerhalb von 24 Stunden ab, nach größeren Mengen können sie deutlich länger anhalten.
Fachleute sprechen vom Pantherina-Syndrom, benannt nach dem Pantherpilz (Amanita pantherina), der dieselben Gifte enthält. Verantwortlich sind Ibotensäure, die Nervenzellen erregt, und Muscimol, das sie dämpft. Wie die beiden Stoffe wirken, erklärt der Artikel Fliegenpilz Wirkung.
Wie gefährlich das ist
Die meisten Vergiftungen gehen ohne bleibende Schäden vorüber. Harmlos sind sie trotzdem nicht. Ein US-Giftinformationszentrum hat 34 gemeldete Fälle mit Fliegenpilz, Pantherpilz und einer verwandten Art aus 15 Jahren ausgewertet. 25 Betroffene hatten Symptome, fünf mussten intubiert werden, darunter ein dreijähriges Kind nach einem Pantherpilz. Todesfälle gab es in dieser Auswertung keine. Das BfR beschreibt Todesfälle als äußerst selten, aber in Ausnahmefällen berichtet.
Einige Fälle aus den letzten Jahren zeigen die Bandbreite:
- Minnesota, 2018: Ein Mann hielt Fliegenpilze für einen Speisepilz und aß sie gekocht. Zwei bis drei Stunden später bekam er Erbrechen, Durchfall, Schweißausbrüche und Bewusstseinsstörungen. Er musste vier Tage beatmet werden und lag acht Tage im Krankenhaus.
- Litauen, 2023: Vier Männer kamen nach absichtlichem Konsum von Fliegenpilz ins Krankenhaus, unter anderem mit Zittern, Schwindel und Verfolgungsgefühlen. Einer hatte ein Atemversagen. Alle wurden in stabilem Zustand entlassen.
- Großbritannien (Fallbericht von 2023): Eine Frau hatte getrockneten Fliegenpilz zwei Wochen lang abends gegen Angst und Schlafprobleme eingenommen. Sie kam verwirrt, mit Halluzinationen und Muskelzucken in die Notaufnahme und erholte sich innerhalb eines Tages.
Besonders gefährdet sind Kinder. Das BfR warnt vor muscimolhaltigen Fruchtgummis, weil Kinder sie mit Süßigkeiten verwechseln und größere Mengen essen können.
Macht Kochen, Trocknen oder Häuten den Pilz sicher?
Nein. Diese drei Vorstellungen halten sich hartnäckig, und keine davon stimmt.
Kochen. Die US-Gesundheitsbehörde CDC schreibt im Bericht zum Fall aus Minnesota, dass die Gifte des Fliegenpilzes beim Kochen möglicherweise nicht unschädlich werden. Der Mann hatte die Pilze gekocht und musste trotzdem beatmet werden.
Trocknen. Beim Trocknen wird ein Teil der Ibotensäure zu Muscimol umgewandelt. Der Pilz wird dadurch nicht ungiftig, und getrocknete Pilze sind keineswegs harmloser. Muscimol ist selbst der Stoff, der die typische Benommenheit bis zur Bewusstlosigkeit auslöst.
Die rote Haut abziehen. Eine Laboranalyse von Fliegenpilzen fand Ibotensäure und Muscimol im Hutfleisch sogar tendenziell in höherer Konzentration als in der Huthaut. Ohne Haut ist der Pilz also nicht weniger giftig.
Wie es zu ungewollten Vergiftungen kommt
In der US-Auswertung hatten von 34 Betroffenen zwölf die Pilze selbst gesammelt, zwölf weitere hatten sie versehentlich gegessen. Das BfR nennt die Verwechslung mit Speisepilzen wie dem Kaiserling ausdrücklich als eine Ursache.
Laut Fachliteratur werden neben dem Kaiserling auch der Perlpilz und der Königsfliegenpilz mit dem Fliegenpilz verwechselt. Wer Pilze zum Essen sammelt, sollte jeden unbekannten Fund von einer Pilzsachverständigen oder einem Pilzsachverständigen prüfen lassen. Mehr zu den Merkmalen steht im Artikel Was ist der Fliegenpilz?
Was im Notfall zu tun ist
- Ruhe bewahren und einen Giftnotruf anrufen, auch wenn noch keine Beschwerden da sind. Die Fachleute dort sagen, was zu tun ist.
- Bei Bewusstlosigkeit oder Atemproblemen sofort den Notruf 112 wählen.
- Kein Erbrechen auslösen und keine Milch zu trinken geben. Einem bewusstlosen Menschen nie etwas einflößen.
- Pilzreste, Putzabfälle oder die Verpackung aufheben und ins Krankenhaus mitnehmen. Ärztinnen und Ärzte können den Pilz dann schneller bestimmen. Im britischen Fall konnten nach der Bestimmung die vorsorglich gegebenen Antibiotika und Virostatika abgesetzt werden.
Ein etabliertes Gegenmittel gibt es nicht. Behandelt wird in der Regel symptomatisch, bei Atemversagen mit Beatmung auf der Intensivstation.
| Land | Giftnotruf | Telefon |
|---|---|---|
| Deutschland | Giftnotruf der Charité Berlin | 030 19240 |
| Deutschland | Giftnotruf München | 089 19240 |
| Deutschland | Giftinformationszentrum Bonn | 0228 19240 |
| Deutschland | Giftinformationszentrum Mainz (Rheinland-Pfalz, Hessen) | 06131 19240 |
| Deutschland | Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg | 0761 19240 |
| Deutschland | Giftinformationszentrum Erfurt (Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) | 0361 730730 |
| Deutschland | Giftinformationszentrum-Nord Göttingen | 0551 19240 |
| Österreich | Vergiftungsinformationszentrale Wien | 01 406 43 43 |
| Schweiz | Tox Info Suisse | 145 |
Die Giftnotrufe sind rund um die Uhr erreichbar.
Häufige Fragen
Ist der Fliegenpilz tödlich?
Äußerst selten. Todesfälle nach dem Verzehr von Fliegenpilzen sind laut Bundesinstitut für Risikobewertung äußerst selten, wurden aber in Ausnahmefällen berichtet. Schwere Verläufe mit Bewusstlosigkeit und künstlicher Beatmung kommen vor.
Wie schnell zeigt sich eine Fliegenpilzvergiftung?
Meist etwa 30 Minuten nach dem Essen, laut Bundesinstitut für Risikobewertung. In einer Auswertung eines US-Giftinformationszentrums traten die Beschwerden bei allen Betroffenen mit Symptomen bis auf einen innerhalb von sechs Stunden auf.
Wie lange dauert eine Fliegenpilzvergiftung?
Die Symptome klingen in der Regel innerhalb von 24 Stunden ab. Nach größeren Mengen können sie deutlich länger anhalten, und schwere Verläufe brauchen eine Behandlung im Krankenhaus.
Kann man Fliegenpilze durch Kochen entgiften?
Nein, nicht zuverlässig. Die US-Gesundheitsbehörde CDC weist darauf hin, dass die Gifte beim Kochen möglicherweise nicht unschädlich werden. Ein Mann, der in den USA gekochte Fliegenpilze gegessen hatte, musste vier Tage beatmet werden.
Ist nur die rote Haut giftig?
Nein. Eine Laboranalyse fand die Wirkstoffe im Hutfleisch sogar tendenziell in höherer Konzentration als in der Huthaut. Das Abziehen der Haut macht den Pilz nicht ungiftig.
Was tun, wenn ein Kind einen Fliegenpilz gegessen hat?
Sofort einen Giftnotruf anrufen, auch wenn das Kind noch keine Beschwerden hat, zum Beispiel den Giftnotruf Berlin unter 030 19240. Kein Erbrechen auslösen und keine Milch geben. Bei Bewusstlosigkeit den Notruf 112 wählen.
Quellen
- Bundesinstitut für Risikobewertung (2025): Fliegenpilzgift: Gesundheitliche Risiken muscimolhaltiger „Fruchtgummis“. Mitteilung Nr. 021/2025
- Moss M. J., Hendrickson R. G. (2019): Toxicity of muscimol and ibotenic acid containing mushrooms reported to a regional poison control center from 2002–2016. Clinical Toxicology 57(2), 99–103
- Taylor J. et al. (2019): Acute Intoxications from Consumption of Amanita muscaria Mushrooms – Minnesota, 2018. MMWR 68(21), 483–484
- Savickaitė E., Laubner-Sakalauskienė G. (2025): Emerging Risks of Amanita Muscaria: Case Reports on Increasing Consumption and Health Risks. Acta Medica Lituanica 32(1), 182–189
- Maung A. C., Hennessey M., Kadiyala R. (2023): Accidental colourful mushroom poisoning – delirium, delusions and dreams. Clinical Medicine 23(4), 417–419
- Tsujikawa K. et al. (2006): Analysis of hallucinogenic constituents in Amanita mushrooms circulated in Japan. Forensic Science International 164(2–3), 172–178
- Michelot D., Melendez-Howell L. M. (2003): Amanita muscaria: chemistry, biology, toxicology, and ethnomycology. Mycological Research 107(2), 131–146
- Kallweit T. T. (2021): Zur Giftigkeit des Fliegenpilzes (Amanita muscaria). Zeitschrift für Mykologie 87, 331–361
- Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Vergiftungen und Sofortmaßnahmen (kindergesundheit-info.de)
- gesundheit.gv.at: Deutschsprachige Giftinformationszentralen
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