Inhaltsstoffe
Fliegenpilz Wirkung: Was Ibotensäure und Muscimol im Körper machen
Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist ein Giftpilz. Was er im Körper auslöst, ist pharmakologisch gut beschrieben, auch wenn es kaum Studien am Menschen gibt. Dieser Artikel erklärt, welche Stoffe beteiligt sind, wie sie wirken, warum sich die Wirkung eines einzelnen Pilzes nicht vorhersagen lässt und welche Risiken bekannt sind. Dosierungsangaben stehen hier nicht, und warum es keine verlässlichen geben kann, steht weiter unten.
Die beiden Wirkstoffe
Für die Wirkung sind zwei Stoffe verantwortlich, beide aus der chemischen Gruppe der Isoxazole: Ibotensäure und Muscimol. Dazu kommen in kleinen Mengen weitere Verbindungen wie Muscazon. Das Muscarin wurde zwar nach dem Fliegenpilz benannt, kommt in ihm aber nur in Spuren vor und spielt für die Wirkung praktisch keine Rolle. Das wird häufig verwechselt.
Die meisten Wirkstoffe sitzen im Hut. Eine Untersuchung japanischer Forensiker an wenigen in Japan gekauften Pilzen fand im Stiel deutlich weniger Ibotensäure und Muscimol als im Hut, und im Hutfleisch tendenziell mehr als in der roten Huthaut.
Was beim Trocknen passiert
Ibotensäure ist chemisch nicht stabil. Beim Trocknen und Erhitzen spaltet sie ein Kohlendioxid-Molekül ab und wird so zu Muscimol. Chemiker nennen das Decarboxylierung. Ein Teil dieser Umwandlung findet auch im Körper statt.
Für die Wirkung bedeutet das: Ein frischer Pilz enthält mehr Ibotensäure, ein getrockneter mehr Muscimol. Wie weit sich das Verhältnis verschiebt, hängt vom Pilz, von der Temperatur und von der Dauer ab. Ohne Laboranalyse weiß niemand, was in einem bestimmten Stück steckt.
Wie Muscimol wirkt
Muscimol ähnelt in seiner Struktur der Gamma-Aminobuttersäure (GABA), dem wichtigsten hemmenden Botenstoff im Gehirn. Es dockt an dieselben Rezeptoren an, die GABA-A-Rezeptoren, und aktiviert sie. Die Folge ist eine Dämpfung der Nervenaktivität: Müdigkeit, Muskelentspannung, ein traumartiger Zustand, Veränderungen in der Wahrnehmung von Raum, Größe und Zeit.
Damit unterscheidet sich der Fliegenpilz grundlegend von Zauberpilzen. Psilocybin wird im Körper zu Psilocin umgewandelt, das über Serotonin-Rezeptoren wirkt und zu den klassischen Psychedelika gehört. Muscimol greift in ein anderes System ein, und das Erleben ist entsprechend anders. Wer Fliegenpilz und Zauberpilze gleichsetzt, unterschätzt vor allem die dämpfende Seite.
Am GABA-A-Rezeptor setzen auch Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine an. Diazepam steht in der Fachliteratur im Verdacht, die Wirkung von Muscimol zu verstärken.
Wie Ibotensäure wirkt
Ibotensäure wirkt am anderen Ende des Spektrums. Sie ähnelt dem erregenden Botenstoff Glutamat und aktiviert Glutamat-Rezeptoren, darunter den NMDA-Rezeptor. In hohen Konzentrationen schädigt sie Nervenzellen durch Überreizung. In der Hirnforschung wird sie deshalb seit Jahrzehnten eingesetzt, um bei Versuchstieren gezielt kleine Hirnareale auszuschalten.
Beim Menschen wird Ibotensäure mit Unruhe, Erregung, Übelkeit und Erbrechen in Verbindung gebracht. Weil beide Stoffe gleichzeitig wirken, einer erregend und einer dämpfend, verläuft eine Fliegenpilz-Wirkung so wechselhaft.
Warum sich die Wirkung nicht vorhersagen lässt
Der Gehalt an Ibotensäure und Muscimol schwankt enorm. In der japanischen Untersuchung an fünf Fliegenpilzen lag die Ibotensäure in den Hüten von Amanita muscaria zwischen weniger als 10 und 2.845 ppm (Milligramm pro Kilogramm), das Muscimol zwischen 46 und 1.052 ppm. Zwischen dem schwächsten und dem stärksten Pilz lag also ein Faktor von über 20 beim Muscimol und von weit über 100 bei der Ibotensäure.
Dazu kommen Unterschiede nach Region, Erntezeitpunkt, Teil des Pilzes und Trocknung. Und jeder Mensch reagiert anders. Deshalb gibt es keine Menge, von der man sagen könnte, sie sei sicher. Wer im Netz Dosierungstabellen findet, sollte wissen, dass sie auf keiner belastbaren Grundlage stehen.
Typischer Verlauf einer Vergiftung
Das Bundesinstitut für Risikobewertung beschreibt den Verlauf so: Die Wirkungen setzen meist etwa 30 Minuten nach der Aufnahme ein und klingen in der Regel innerhalb von 24 Stunden ab. Typisch sind abwechselnde Phasen von Benommenheit und Unruhe. Hinzu kommen Übelkeit, Desorientierung, Halluzinationen und Herz-Kreislauf-Effekte. In den Fällen, die den Giftinformationszentren gemeldet wurden, reichten die Folgen bis zu Bewusstseinstrübungen und Koma. Nach größeren Mengen hielten die Symptome deutlich länger an.
Eine Auswertung eines US-Giftinformationszentrums über 15 Jahre zeigt, wie unterschiedlich die Fälle verlaufen. Von 34 Betroffenen hatten 25 Symptome, fast alle innerhalb von sechs Stunden. Fünf mussten intubiert werden. Todesfälle gab es keine. Die Auswertung umfasste Fliegen- und Pantherpilze, und nach dem Pantherpilz traten deutlich häufiger Symptome auf.
Wie schwer es werden kann, zeigt ein Fall aus Minnesota von 2018: Ein Mann hatte Fliegenpilze für einen Speisepilz gehalten und gekocht gegessen. Zwei bis drei Stunden später bekam er Erbrechen, Durchfall, Schweißausbrüche und Bewusstseinsstörungen und musste vier Tage beatmet werden. Nach acht Tagen wurde er genesen entlassen.
Ein bewährtes Gegenmittel gibt es nicht. Behandelt wird in der Regel symptomatisch, bei schweren Verläufen auf der Intensivstation. Im Notfall: Giftnotruf Berlin 030 19240, bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen oder Atemproblemen sofort 112.
Weitere Risiken
Verwechslung. Der braune Fliegenpilz sieht dem Pantherpilz ähnlich, und der ist deutlich giftiger. Mehr dazu im Artikel Was ist der Fliegenpilz?.
Schwermetalle. Fliegenpilze reichern Metalle aus dem Boden an. In einer polnischen Studie von 2025, die Pilze von einem Standort über eine Saison untersuchte, lag der mittlere Cadmiumgehalt in allen drei Erntezeiträumen über dem Grenzwert, den die EU für Nahrungsergänzungsmittel festlegt, im Oktober etwa um das Neunfache. Der Bleigehalt stieg im Lauf der Saison bis knapp an den Grenzwert. Fliegenpilze können also erheblich mit Cadmium belastet sein.
Kinder. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt besonders vor muscimolhaltigen Fruchtgummis, weil Kinder sie mit Süßigkeiten verwechseln und größere Mengen essen können.
Behördliche Einordnung. Die US-Lebensmittelbehörde FDA hat im Dezember 2024 festgestellt, dass Amanita muscaria und seine Inhaltsstoffe nicht als sicher gelten und in herkömmlichen Lebensmitteln nicht zugelassen sind. Wie es in Deutschland aussieht, erklärt der Artikel Ist der Fliegenpilz legal in Deutschland?
Und Microdosing?
Das Interesse am Fliegenpilz wächst: Laut einer US-Studie stiegen die Google-Suchen nach Amanita muscaria von 2022 auf 2023 um 114 Prozent, und mit ihnen das Interesse an Microdosing. Die Forschung hinkt hinterher. Uns sind keine kontrollierten Studien am Menschen bekannt, die Microdosing mit Fliegenpilz untersucht hätten. Was es gibt, sind Erfahrungsberichte und einzelne Fallberichte. Die US-Studie nennt unter anderem den Fall einer Frau aus Großbritannien, die 2023 ins Krankenhaus kam, nachdem sie Fliegenpilz gegen Angst eingenommen hatte.
Erfahrungsberichte können zeigen, was Menschen tun und berichten. Ob eine Wirkung tatsächlich vom Pilz kommt, wie groß sie ist und welche Risiken eine regelmäßige Einnahme hat, können sie nicht beantworten. Für die Frage nach einer Menge gilt dasselbe wie oben: Bei Gehalten, die von Pilz zu Pilz um ein Vielfaches schwanken, kann niemand eine verlässliche Zahl nennen.
Ist der Fliegenpilz eine Droge?
Pharmakologisch ja, er ist psychoaktiv: Seine Wirkstoffe verändern Bewusstsein und Wahrnehmung. Rechtlich ist er in Deutschland kein Betäubungsmittel, weil weder der Pilz noch Ibotensäure oder Muscimol im Betäubungsmittelgesetz stehen. Was das konkret bedeutet und wo die Grenzen liegen, steht im Artikel Ist der Fliegenpilz legal in Deutschland?.
Häufige Fragen
Wie lange wirkt der Fliegenpilz?
Laut Bundesinstitut für Risikobewertung setzen die Wirkungen meist etwa 30 Minuten nach der Aufnahme ein und klingen in der Regel innerhalb von 24 Stunden ab. Nach größeren Mengen wurden deutlich länger anhaltende Symptome beobachtet. In einer US-Fallserie traten die Beschwerden bei fast allen Betroffenen innerhalb von sechs Stunden auf.
Wirkt der Fliegenpilz psychedelisch wie Zauberpilze?
Kaum. Psilocybin aus Zauberpilzen wird im Körper zu Psilocin, das über Serotonin-Rezeptoren wirkt. Muscimol aus dem Fliegenpilz wirkt dagegen über GABA-A-Rezeptoren, also über das wichtigste dämpfende System im Gehirn. Typisch sind Benommenheit im Wechsel mit Unruhe, Verwirrtheit und Wahrnehmungsveränderungen, oft begleitet von Übelkeit.
Wirkt getrockneter Fliegenpilz anders als frischer?
Ja. Beim Trocknen und Erhitzen wird ein Teil der Ibotensäure zu Muscimol umgewandelt (Decarboxylierung). Das Verhältnis der beiden Stoffe verschiebt sich dadurch. Wie stark, hängt vom Pilz und von den Bedingungen ab und lässt sich ohne Laboranalyse nicht sagen.
Gibt es eine sichere Dosierung?
Nein. Der Wirkstoffgehalt schwankt von Pilz zu Pilz um ein Vielfaches, es gibt keine kontrollierten Studien am Menschen, und wie empfindlich jemand reagiert, ist individuell verschieden. Eine Menge, die bei einem Pilz kaum wirkt, kann bei einem anderen zu einer Vergiftung führen.
Was tun bei einer Fliegenpilzvergiftung?
Sofort den Giftnotruf anrufen, zum Beispiel den Giftnotruf Berlin unter 030 19240. Bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen oder Atemproblemen den Notruf 112 wählen. Ein bewährtes Gegenmittel gibt es nicht, behandelt wird im Krankenhaus in der Regel symptomatisch.
Kann man an einer Fliegenpilzvergiftung sterben?
In Ausnahmefällen ja. Todesfälle sind laut Bundesinstitut für Risikobewertung äußerst selten, wurden aber berichtet. Schwere Verläufe kommen vor: In einer US-Auswertung von 34 gemeldeten Fällen mit Fliegen- und Pantherpilz wurden fünf Betroffene intubiert, und in einem Fall aus Minnesota wurde ein Mann vier Tage lang künstlich beatmet.
Quellen
- Michelot D., Melendez-Howell L. M. (2003): Amanita muscaria: chemistry, biology, toxicology, and ethnomycology. Mycological Research 107(2), 131–146
- Kallweit T. T. (2021): Zur Giftigkeit des Fliegenpilzes (Amanita muscaria). Zeitschrift für Mykologie 87, 331–361
- Stebelska K. (2013): Fungal hallucinogens psilocin, ibotenic acid, and muscimol: analytical methods and biologic activities. Therapeutic Drug Monitoring 35(4), 420–442
- Tsujikawa K. et al. (2006): Analysis of hallucinogenic constituents in Amanita mushrooms circulated in Japan. Forensic Science International 164(2–3), 172–178
- Moss M. J., Hendrickson R. G. (2019): Toxicity of muscimol and ibotenic acid containing mushrooms reported to a regional poison control center from 2002–2016. Clinical Toxicology 57(2), 99–103
- Taylor J. et al. (2019): Acute Intoxications from Consumption of Amanita muscaria Mushrooms – Minnesota, 2018. MMWR 68(21), 483–484
- Bundesinstitut für Risikobewertung (2025): Fliegenpilzgift: Gesundheitliche Risiken muscimolhaltiger „Fruchtgummis“. Mitteilung Nr. 021/2025 vom 27. Juni 2025
- Ordak M. et al. (2025): Temporal Changes in Lead and Cadmium Levels in Amanita muscaria Samples Collected in Poland. Toxics 13(2), 101
- Leas E. C. et al. (2024): Need for a Public Health Response to the Unregulated Sales of Amanita muscaria Mushrooms. American Journal of Preventive Medicine
- U.S. Food and Drug Administration (2024): FDA Alerts Industry and Consumers About the Use of Amanita muscaria or its Constituents in Food. 18. Dezember 2024
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. fliegenpilz.de wird vom Team hinter dem Onlineshop fliegenpills betrieben. Mehr dazu, wie wir arbeiten, steht auf Über uns.