Studien
Was weiß die Forschung über Fliegenpilz-Microdosing?
Microdosing mit Fliegenpilz ist im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren bekannt geworden, vor allem über soziale Medien und Erfahrungsberichte. Dieser Artikel ordnet ein, was dahintersteckt, was die Forschung tatsächlich zeigt und welche Risiken bekannt sind. Mengenangaben stehen hier nicht. Warum, erklärt der Abschnitt zur Dosierung.
Was mit Microdosing gemeint ist
Beim Microdosing nimmt man regelmäßig sehr kleine Mengen einer psychoaktiven Substanz ein, so klein, dass kein Rausch entstehen soll. Ziel ist meist, Stimmung, Konzentration oder Schlaf zu beeinflussen. Bekannt wurde die Praxis mit LSD und Psilocybin aus Zauberpilzen.
Beim Fliegenpilz wird dieselbe Idee auf seine Wirkstoffe Ibotensäure und Muscimol übertragen. Eine polnische Übersichtsarbeit von 2025 beschreibt das Ziel so: mögliche gesundheitliche Vorteile, ohne Halluzinationen auszulösen. Wie die beiden Stoffe im Körper wirken, steht ausführlich im Artikel Fliegenpilz Wirkung.
Was Studien zu Microdosing allgemein zeigen
Die meisten Studien zu Microdosing betreffen Psilocybin und LSD. Die nach Angaben der Autoren bis dahin größte placebokontrollierte Studie erschien 2021 in der Fachzeitschrift eLife. Die Teilnehmenden stellten sich ihre Kapseln selbst so zusammen, dass sie nicht wussten, ob sie gerade eine Mikrodosis oder ein Placebo nahmen, und 191 schlossen die vier Wochen ab. Microdosing unterschied sich bei Stimmung und Denkleistung nicht von Placebo. Wer glaubte, eine Mikrodosis genommen zu haben, schnitt in den Fragebögen besser ab, unabhängig davon, was tatsächlich in der Kapsel war.
Für den Fliegenpilz sagt diese Studie direkt wenig aus, weil seine Wirkstoffe über ein anderes System wirken als Psilocybin und LSD. Sie zeigt aber, wie stark Erwartung die Erfahrung prägt. Genau deshalb reichen Erfahrungsberichte nicht, um eine Wirkung zu belegen.
Was es speziell zum Fliegenpilz gibt
Die Übersichtsarbeit von 2025 hat die Literatur zu möglichen gesundheitlichen Effekten des Fliegenpilzes ausgewertet. Sie nennt Versuche an Zellkulturen, an Nagetieren und an Fruchtfliegen sowie einen Fallbericht. Eine klinische Studie am Menschen nennt die Arbeit nicht. Die Autoren halten fest, dass der Fliegenpilz gegen Angst und Depression eingesetzt wird, obwohl ausreichende klinische Belege für eine Wirksamkeit fehlen, und dass keine Behörde ihn für medizinische Zwecke zugelassen hat.
Für Erfahrungen mit Fliegenpilz-Microdosing verweist die Übersichtsarbeit auf ein 2022 erschienenes Buch, das Berichte von über 3.000 Menschen sammelt. Solche Sammlungen zeigen, was Menschen tun und wie sie es erleben. Sie haben aber keine Kontrollgruppe, die Teilnehmenden haben sich selbst ausgewählt, und ob Menschen mit schlechten Erfahrungen ebenso oft berichten, ist unbekannt. Ob eine berichtete Verbesserung vom Pilz kommt, von der Erwartung oder von etwas anderem, lässt sich so nicht unterscheiden.
Das Interesse ist zuletzt stark gestiegen. Laut einer US-Studie stiegen die Google-Suchen nach Amanita muscaria von 2022 auf 2023 um 114 Prozent. Die Autoren fordern deshalb eine Reaktion der Gesundheitsbehörden.
Gibt es eine sichere Dosierung?
Nein. Dafür gibt es drei sachliche Gründe.
Der Wirkstoffgehalt schwankt enorm. Eine Untersuchung japanischer Forensiker fand in den Hüten von fünf Fliegenpilzen zwischen weniger als 10 und 2.845 ppm Ibotensäure und zwischen 46 und 1.052 ppm Muscimol. Dieselbe Menge Pilz kann also ein Vielfaches an Wirkstoff enthalten. Hinzu kommt, dass sich beim Trocknen ein Teil der Ibotensäure in Muscimol umwandelt. In welchem Umfang, hängt von der Verarbeitung ab.
Es gibt keine Studien zur Dosisfindung. Bei Arzneimitteln wird in klinischen Studien ermittelt, welche Menge wirkt und welche schadet. Für den Fliegenpilz hat das niemand gemacht.
Wechselwirkungen sind kaum erforscht. Beruhigungsmittel wie Diazepam stehen in der Fachliteratur im Verdacht, die Wirkung von Muscimol zu verstärken.
Mengenangaben, die man im Netz findet, stammen aus Erfahrungsberichten. Sie sagen, was jemand genommen hat. Ob diese Menge für jemand anderen sicher ist, sagen sie nicht.
Was eine belastbare Studie bräuchte
Damit sich die Frage nach einer Wirkung beantworten ließe, bräuchte es eine Studie, die mehr leistet als eine Umfrage. Die Teilnehmenden dürften nicht wissen, ob sie Pilz oder Placebo bekommen, wie in der eLife-Studie zu Psilocybin und LSD. Das Material müsste im Labor auf seinen Gehalt an Ibotensäure und Muscimol gemessen sein, sonst weiß niemand, was überhaupt getestet wird. Und es bräuchte vorher festgelegte Messgrößen, eine Überwachung von Nebenwirkungen und eine Prüfung auf Schwermetalle, gerade bei einer Einnahme über Wochen.
Eine solche Studie mit dem Fliegenpilz ist uns nicht bekannt. Bis es sie gibt, bleibt jede Aussage über einen Nutzen eine Vermutung.
Welche Risiken bekannt sind
Vergiftung auch beim Microdosing. Ein 2023 veröffentlichter Fallbericht aus Großbritannien beschreibt eine 46-jährige Frau, die getrockneten Fliegenpilz zwei Wochen lang abends gegen Angst und Schlafprobleme eingenommen hatte. In der Nacht vor der Aufnahme nahm sie mehr als an den Tagen zuvor. Sie wurde verwirrt und unruhig, hatte Halluzinationen und Muskelzucken und kam mit eingetrübtem Bewusstsein in die Notaufnahme. Mit unterstützender Behandlung erholte sie sich und wurde nach 24 Stunden entlassen. Der Fall zeigt, dass auch eine über Wochen scheinbar vertragene Einnahme in eine Vergiftung münden kann.
Schwermetalle bei regelmäßiger Einnahme. Fliegenpilze reichern Metalle aus dem Boden an. In einer polnischen Studie von 2025 lag der mittlere Cadmiumgehalt der untersuchten Pilze aus einem Waldgebiet an allen drei Sammelterminen von August bis Oktober 2023 über dem EU-Grenzwert für Nahrungsergänzungsmittel. Die Autoren werten eine regelmäßige Aufnahme deshalb als ernstes Gesundheitsrisiko. Wer etwas über Wochen oder Monate einnimmt, nimmt auch die Metalle über Wochen oder Monate auf.
Unbekannte Langzeitfolgen. Ibotensäure schädigt in hohen Konzentrationen Nervenzellen, in der Hirnforschung wird sie genau dafür eingesetzt. Was eine wiederholte Aufnahme kleiner Mengen über lange Zeit beim Menschen bewirkt, hat niemand untersucht.
Rechtliche Lage. Fliegenpilz-Produkte, die zum Verzehr verkauft werden, stufen deutsche Behörden als nicht sicheres oder nicht zugelassenes Lebensmittel ein. Mehr dazu im Artikel Ist der Fliegenpilz legal in Deutschland?
Wenn etwas schiefgeht
Anzeichen einer Vergiftung sind Übelkeit, Erbrechen, Verwirrtheit, starke Benommenheit im Wechsel mit Unruhe, Halluzinationen, Muskelzucken und Bewusstseinstrübung. Die Beschwerden beginnen laut Bundesinstitut für Risikobewertung meist etwa 30 Minuten nach der Aufnahme.
Dann sofort einen Giftnotruf anrufen. In Deutschland zum Beispiel den Giftnotruf Berlin unter 030 19240, in Österreich die Vergiftungsinformationszentrale unter 01 406 43 43, in der Schweiz Tox Info Suisse unter 145. Bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen oder Atemproblemen den Notruf 112 wählen. Was genau eingenommen wurde, wann und wie viel, hilft den Ärztinnen und Ärzten bei der Behandlung.
Häufige Fragen
Ist Microdosing mit Fliegenpilz wissenschaftlich belegt?
Nein. Uns ist keine klinische Studie am Menschen bekannt, die Microdosing mit Fliegenpilz untersucht hat. Eine Übersichtsarbeit von 2025 nennt nur Zell- und Tierversuche, einen Fallbericht und Erfahrungsberichte. Positive Effekte sind damit nicht belegt.
Wie viel Fliegenpilz nimmt man beim Microdosing?
Darauf gibt es keine belastbare Antwort. Der Wirkstoffgehalt schwankt von Pilz zu Pilz um ein Vielfaches, es gibt keine Studien zur Dosisfindung, und Menschen reagieren unterschiedlich. Mengenangaben im Netz stammen aus Erfahrungsberichten. Wir nennen deshalb bewusst keine.
Kann man beim Microdosing eine Vergiftung bekommen?
Ja. Ein 2023 veröffentlichter Fallbericht aus Großbritannien beschreibt eine Frau, die den Pilz zwei Wochen lang abends gegen Angst und Schlafprobleme eingenommen hatte und dann mit Verwirrtheit, Halluzinationen und Muskelzucken ins Krankenhaus kam. Sie erholte sich innerhalb eines Tages.
Ist Fliegenpilz-Microdosing dasselbe wie Microdosing mit Psilocybin?
Nein. Psilocybin wirkt über Serotonin-Rezeptoren, die Wirkstoffe des Fliegenpilzes über GABA- und Glutamat-Rezeptoren. Ergebnisse aus der Psilocybin-Forschung lassen sich deshalb nicht auf den Fliegenpilz übertragen. Selbst bei Psilocybin und LSD unterschied sich Microdosing in einer großen placebokontrollierten Studie von 2021 nicht von Placebo.
Ist Microdosing mit Fliegenpilz legal?
Besitz und Erwerb sind in Deutschland nicht strafbar. Fliegenpilz-Produkte zum Verzehr dürfen aber nicht verkauft werden, Behörden stufen sie als nicht sicheres oder nicht zugelassenes Lebensmittel ein. Details stehen im Artikel zur Rechtslage.
Quellen
- Grochowska J., Grygoruk N., Weiner M. (2025): Harmfulness and potential health benefits of the fly agaric (Amanita muscaria): a literature review. Health Problems of Civilization 19(1), 95–106
- Szigeti B. et al. (2021): Self-blinding citizen science to explore psychedelic microdosing. eLife 10, e62878
- Maung A. C., Hennessey M., Kadiyala R. (2023): Accidental colourful mushroom poisoning – delirium, delusions and dreams. Clinical Medicine 23(4), 417–419
- Leas E. C. et al. (2024): Need for a Public Health Response to the Unregulated Sales of Amanita muscaria Mushrooms. American Journal of Preventive Medicine
- Tsujikawa K. et al. (2006): Analysis of hallucinogenic constituents in Amanita mushrooms circulated in Japan. Forensic Science International 164(2–3), 172–178
- Ordak M. et al. (2025): Temporal Changes in Lead and Cadmium Levels in Amanita muscaria Samples Collected in Poland. Toxics 13(2), 101
- Michelot D., Melendez-Howell L. M. (2003): Amanita muscaria: chemistry, biology, toxicology, and ethnomycology. Mycological Research 107(2), 131–146
- Bundesinstitut für Risikobewertung (2025): Fliegenpilzgift: Gesundheitliche Risiken muscimolhaltiger „Fruchtgummis“. Mitteilung Nr. 021/2025
- Kallweit T. T. (2021): Zur Giftigkeit des Fliegenpilzes (Amanita muscaria). Zeitschrift für Mykologie 87, 331–361
- Stebelska K. (2013): Fungal hallucinogens psilocin, ibotenic acid, and muscimol: analytical methods and biologic activities. Therapeutic Drug Monitoring 35(4), 420–442
- Betäubungsmittelgesetz (BtMG), Anlage I
- Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG), Anlage 1
- CVUA Stuttgart (2025): Lebensmittel mit psychoaktiven Substanzen – getarnte Drogen? 22. April 2025
- gesundheit.gv.at: Deutschsprachige Giftinformationszentralen
Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. fliegenpilz.de wird vom Team hinter dem Onlineshop fliegenpills betrieben. Mehr dazu, wie wir arbeiten, steht auf Über uns.