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Warum gilt der Fliegenpilz als Glücksbringer? Geschichte, Name und Mythen

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Kurz gesagt

Zum Glücksbringer wurde der Fliegenpilz um 1900, als er massenhaft auf Neujahrs- und Glückwunschkarten auftauchte, oft zusammen mit Schornsteinfeger, Kleeblatt und Glücksschwein. Wie Pilze überhaupt zu Glückssymbolen wurden, ist nicht abschließend geklärt; naheliegend ist eine Verbindung zum älteren Wort „Glückspilz“. Sein Name geht nach der gängigen Erklärung auf eine viel ältere Verwendung zurück: Seit dem Mittelalter wurde er in Milch eingelegt, um Fliegen zu fangen.

Warum heißt der Fliegenpilz Fliegenpilz?

Nach der gängigen Erklärung, weil man mit ihm Fliegen gefangen hat. Die älteste bekannte Beschreibung stammt von dem Gelehrten Albertus Magnus aus dem 13. Jahrhundert: Der Pilz heiße Fliegenpilz, weil er, in Milch zerrieben, Fliegen töte. Im deutschsprachigen Raum nennt ihn Johannes Hartlieb um 1440 in seinem Kräuterbuch „mucken swamm“. Andere Sprachen erzählen dieselbe Geschichte: Im Englischen heißt er fly agaric, im Französischen amanite tue-mouches, wörtlich der Fliegen tötende Wulstling.

Dass es den Brauch wirklich gab, zeigt eine 2016 veröffentlichte Studie aus Slowenien. Ein Forschungsteam befragte 59 Menschen in zwei ländlichen Regionen und sammelte neun traditionelle Rezepte. Die einfachsten bestanden darin, Pilzstücke in Milch oder Wasser einzulegen oder etwas Milch auf den Pilz zu träufeln. Aufwendigere Varianten erhitzten oder zerkleinerten den Pilz vorher. Im Labor lösten alle untersuchten Zubereitungen Ibotensäure aus dem Pilz, Hitze und Zerkleinern beschleunigten das. Bekannt war der Brauch nur noch in einer der beiden Regionen, Hinweise auf eine heutige Nutzung fanden sich nicht.

Ob der Pilz Fliegen zuverlässig tötet, ist dagegen umstritten. Japanische Forscher beschrieben die Ibotensäure, einen der beiden Hauptwirkstoffe, 1964 als fliegentötenden Bestandteil eines verwandten Wulstlings. Spätere Versuche fanden allerdings nur eine schwache Wirkung auf Fliegen.

Deshalb gibt es eine zweite Deutung des Namens. Im Mittelalter galten Fliegen und andere Insekten als mögliche Ursache von Wahnsinn, der Name könnte also auf die berauschende Wirkung des Pilzes anspielen. Didier Michelot und Leda Maria Melendez-Howell halten diese Erklärung in ihrer Übersichtsarbeit von 2003 sogar für die wahrscheinlichere. Unstrittig ist, dass der Pilz seit dem Mittelalter als Fliegengift verwendet wurde.

Seit wann ist der Fliegenpilz ein Glücksbringer?

Seit etwa 1900. Der Mykologe Hanns Kreisel datiert die Welle der Glückwunschkarten mit Pilzmotiven, vor allem Fliegenpilzen, auf die Zeit von 1898 bis nach 1920, in Deutschland und zeitweise in großen Teilen Europas. Peter Reil und Martin Wagner beschreiben in ihrer Untersuchung früher Bilderbücher, wie solche Karten ab 1900 zu einem regelrechten Modetrend wurden, besonders zum Jahreswechsel. Auf ihnen setzte sich der dekorative Fliegenpilz schnell gegen Steinpilz, Pfifferling und Champignon als Sinnbild des Glücks durch. Um 1905 erschien sogar ein Kinderbuch mit dem Titel „Der Glückspilz“, in dem ein stattlicher Fliegenpilz als Haus dient. In Ausgaben von Grimms Märchen tauchen rothütige Pilze nach Kreisel wohl zuerst 1875 auf, in Illustrationen von Paul Meyerheim.

Wie Pilze überhaupt zu Glückssymbolen wurden, ist nach Reil und Wagner (2007) wissenschaftlich nicht schlüssig beantwortet. Eine Spur führt über die Sprache. Das Wort „Glückspilz“ ist älter als die Karten. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bezeichnete es zunächst abschätzig einen Emporkömmling, jemanden, der wie ein Pilz über Nacht aus dem Boden schießt, vielleicht nach dem Vorbild des englischen „mushroom“, das beides bedeuten kann. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts meinte es einen Menschen, dem das Glück zufällt. Dass Zeichner für diesen Glückspilz zum auffälligsten Pilz des Waldes griffen, liegt nahe, ist aber eine Deutung und kein Beleg.

Erzählt wird außerdem eine germanische Legende: Wenn Wotan zur Wintersonnenwende mit seinem Heer über den Himmel jagt, tropft Schaum aus den Nüstern der Pferde zur Erde, und dort wachsen neun Monate später Fliegenpilze. Uwe Passauer gibt sie 1997 in der Zeitschrift Carinthia II als germanische Überlieferung wieder, nennt aber keine historische Quelle dafür.

Der Brauch selbst hat sich gehalten. Zum Jahreswechsel steht der Fliegenpilz bis heute neben Schornsteinfeger, Kleeblatt und Glücksschwein. Passauer schrieb dazu, wir verschenkten Fliegenpilze zum Neuen Jahr und wüssten nicht mehr, warum. Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie kürte ihn zum Pilz des Jahres 2022.

Was hat der Fliegenpilz mit Weihnachten zu tun?

Zunächst ganz praktisch: Das Glückssymbol gehört in die Wochen um den Jahreswechsel, deshalb taucht der Fliegenpilz auf Karten und in der Dekoration dieser Zeit auf. Daneben kursiert seit einigen Jahrzehnten eine Theorie, nach der der Weihnachtsmann selbst auf den Fliegenpilz zurückgeht.

Sie geht so: Schamanen im hohen Norden hätten im Winter getrocknete Fliegenpilze verteilt und seien dabei durch die Dachöffnung ins Haus gekommen, so wie der Weihnachtsmann durch den Kamin. Die rot-weiße Kleidung erinnere an den Pilz, die fliegenden Rentiere an Rauscherlebnisse, und die Geschenke lägen unter Nadelbäumen, unter denen der Fliegenpilz wächst. Vertreten haben das unter anderem der Autor James Arthur, der Anthropologe John Rush und der Altphilologe Carl Ruck von der Boston University.

Historiker und Fachleute für die Kulturen des Nordens widersprechen. Der britische Historiker Ronald Hutton wies darauf hin, dass sibirische Schamanen weder mit Schlitten reisten noch in der Regel mit Rentiergeistern zu tun hatten. Tim Frandy lehrt an der University of British Columbia Nordische Studien und gehört selbst zur samischstämmigen Gemeinschaft in Nordamerika. Gegenüber National Geographic nennt er die Erzählung eine romantisierte Fehldeutung samischer Kultur. Dass Samen früher Fliegenpilze nutzten, hält er für möglich. Für eine Rolle bei samischen Schamanen kenne er aber nur einen einzigen Hinweis, die Behauptung eines finnischen Ethnografen aus den 1940er Jahren.

Die Figur des Weihnachtsmanns lässt sich dagegen gut nachverfolgen. Sie beginnt beim Bischof Nikolaus von Myra und dem niederländischen Sinterklaas. Das amerikanische Gedicht „A Visit from St. Nicholas“ aus den 1820er Jahren brachte den Rentierschlitten. Thomas Nast zeichnete den Weihnachtsmann ab 1863 für Harper’s Weekly und verlegte seinen Wohnsitz 1866 an den Nordpol. Das Bild vom rot gekleideten Weihnachtsmann prägte ab 1931 die Coca-Cola-Werbung von Haddon Sundblom. Die Fliegenpilz-These ist eine schöne Geschichte, aber keine belegte.

Sibirien: wo der Fliegenpilz tatsächlich genutzt wurde

Gut dokumentiert ist die Nutzung vor allem für Sibirien und den Nordosten Asiens. Mehrere Völker, darunter Korjaken, Tschuktschen und Itelmenen, nahmen den Pilz bei Festen, in Ritualen und als Anregungsmittel zu sich. Eine Auswertung ethnografischer Berichte von 1991 kommt zu dem Schluss, dass diese Völker die unterschiedlichen Wirkungen des Pilzes kannten und ihn für verschiedene Zwecke einsetzten. Er war also nicht nur Sache der Schamanen.

Nach Europa kam das Wissen darüber vor allem durch Reiseberichte des 18. Jahrhunderts. Der schwedische Offizier Philipp Johann von Strahlenberg geriet nach der Schlacht bei Poltawa 1709 in russische Gefangenschaft und lebte bis 1723 in Sibirien. In seinem Buch von 1730 beschrieb er, wie bei den Korjaken die Wohlhabenden den Pilz verzehrten und Ärmere, die sich ihn nicht leisten konnten, den Urin der Berauschten tranken. Dahinter steckt Pharmakologie: Ein Teil der Wirkstoffe verlässt den Körper fast unverändert mit dem Urin.

Soma, Berserker und andere Theorien

Um kaum einen Pilz ranken sich so viele Theorien. Die bekannteste stammt von dem amerikanischen Bankier und Pilzforscher R. Gordon Wasson. In seinem Buch „Soma: Divine Mushroom of Immortality“ von 1968 vertrat er die These, der Fliegenpilz sei das Soma, ein Rauschtrank, den die Hymnen des indischen Rigveda besingen. Der Indologe John Brough hielt 1971 dagegen, Wassons Lesart der Hymnen trage nicht: Die Stellen ließen sich anders deuten, und die beschriebene Wirkung passe eher zu einem Anregungsmittel. Andere Forscher schlagen Ephedra oder die Steppenraute vor. Geklärt ist die Frage bis heute nicht.

Auch die Berserker, die rasenden Krieger der altnordischen Sagas, sollen sich mit Fliegenpilzen in Rage versetzt haben. Diese Idee geht auf den schwedischen Gelehrten Samuel Ödmann zurück, der sie 1784 aus Berichten über den Fliegenpilzgebrauch sibirischer Völker ableitete. Historische oder archäologische Belege dafür gibt es nicht. Der Ethnobotaniker Karsten Fatur argumentierte 2019, das Schwarze Bilsenkraut passe besser zu den beschriebenen Zuständen als der Fliegenpilz, räumt aber selbst ein, dass sich auch das nicht beweisen lässt.

Noch weiter ging der britische Philologe John Allegro, der 1970 das Christentum auf einen Kult um einen Rauschpilz zurückführte, angeblich den Fliegenpilz. Hanns Kreisel merkt dazu an, dass der Fliegenpilz in den betreffenden Gebieten heute gar nicht nachweisbar ist.

Glückssymbol und Giftpilz zugleich

Die Geschichte macht den Fliegenpilz sympathisch, an seiner Giftigkeit ändert sie nichts. Er gilt in Deutschland als Giftpilz. Das Bundesinstitut für Risikobewertung beschreibt nach der Aufnahme seiner Wirkstoffe abwechselnde Phasen von Benommenheit und Unruhe, dazu Übelkeit, Desorientierung und Halluzinationen, in schweren Fällen Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma. Besonders warnt es vor muscimolhaltigen Fruchtgummis, die Kinder mit Süßigkeiten verwechseln können. Dass Völker in Sibirien den Pilz genutzt haben, macht ihn nicht harmlos, zumal die Wirkstoffgehalte je nach Fundort und Teil des Pilzes stark schwanken.

Bei Verdacht auf eine Pilzvergiftung sofort den Giftnotruf anrufen, in Deutschland zum Beispiel 030 19240 (Berlin). Bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen oder Atemproblemen sofort die 112 wählen.

Wie die Wirkstoffe im Körper wirken, erklärt der Artikel Fliegenpilz Wirkung. Was bei einer Vergiftung passiert und was im Notfall zu tun ist, steht im Artikel Kann man Fliegenpilze essen?. Merkmale, Vorkommen und Verwechslungsgefahr beschreibt der Überblick Was ist der Fliegenpilz?

Häufige Fragen

Warum heißt der Fliegenpilz Fliegenpilz?

Nach der gängigen Erklärung, weil er früher als Fliegengift diente. Stücke des Pilzes wurden in Milch oder Wasser eingelegt, Fliegen tranken davon und sollten betäubt oder getötet werden. Beschrieben hat das schon Albertus Magnus im 13. Jahrhundert. Wie gut das wirkt, ist umstritten, und manche Forscher halten eine zweite Deutung für wahrscheinlicher: Im Mittelalter galten Fliegen als mögliche Ursache von Wahnsinn, der Name könnte also auf die berauschende Wirkung anspielen.

Warum ist der Fliegenpilz ein Glücksbringer?

Wie Pilze zu Glückssymbolen wurden, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Belegt ist, dass der Fliegenpilz um 1900 massenhaft auf Neujahrs- und Glückwunschkarten auftauchte und sich dort gegen andere Pilze durchsetzte. Naheliegend ist eine Verbindung zum älteren Wort „Glückspilz“, das seit dem 19. Jahrhundert einen Menschen bezeichnet, dem das Glück zufällt.

Seit wann gilt der Fliegenpilz als Glückssymbol?

Seit etwa 1900. Glückwunschkarten mit Pilzmotiven, vor allem Fliegenpilzen, waren nach dem Mykologen Hanns Kreisel von 1898 bis nach 1920 verbreitet. Verschickt wurden sie besonders zum Jahreswechsel.

Stammt der Weihnachtsmann vom Fliegenpilz ab?

Dafür gibt es keine Belege. Die Theorie, Schamanen im hohen Norden hätten getrocknete Fliegenpilze verteilt und so den Weihnachtsmann inspiriert, ist populär, wird von Historikern und Fachleuten für samische Kultur aber abgelehnt. Die Figur lässt sich über Nikolaus von Myra, den niederländischen Sinterklaas und amerikanische Gedichte und Zeichnungen des 19. Jahrhunderts gut nachverfolgen.

Haben die Berserker Fliegenpilze gegessen?

Das ist nicht belegt. Die Idee stammt von dem schwedischen Gelehrten Samuel Ödmann aus dem Jahr 1784, historische oder archäologische Belege gibt es nicht. Eine Arbeit von 2019 hält das Schwarze Bilsenkraut für die plausiblere Erklärung, kann das aber ebenfalls nicht beweisen.

War der Fliegenpilz das Soma aus dem Rigveda?

Das vermutete R. Gordon Wasson 1968. Die These ist bis heute umstritten. Der Indologe John Brough hielt Wassons Lesart der Hymnen für nicht tragfähig, andere Forscher schlagen Ephedra oder die Steppenraute vor.

Welche Bedeutung hatte der Fliegenpilz in Sibirien?

Mehrere Völker Sibiriens und Nordostasiens nutzten ihn bei Festen, in Ritualen und als Anregungsmittel, nicht nur Schamanen. Eine Auswertung ethnografischer Berichte von 1991 kommt zu dem Schluss, dass sie die unterschiedlichen Wirkungen des Pilzes kannten und für verschiedene Zwecke einsetzten.

Quellen

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